Drei Figuren des Verzichts bei Nietzsche und ihre suchttherapeutische Relevanz Domurath/Wicha
Die therapeutische Praxis der abstinenzorientierten Suchthilfe operiert mit einer Grundannahme: dass Abstinenz nicht nur die wirksamere, sondern auch die leichtere Form der Verhaltensänderung darstellt – leichter als kontrollierter Konsum, leichter als Reduktion, leichter als jede Form der Selbstmäßigung. Diese Annahme hat eine philosophische Vorgeschichte, die sich bei Nietzsche in besonderer Schärfe findet.
In Menschliches, Allzumenschliches (EA 1878), Drittes Hauptstück, „Das religiöse Leben“, Aphorismus 139 („Bequemlichkeit der Askese“), formuliert Nietzsche: „Man hat ein für alle Mal auf eigenen Willen verzichtet, und dies ist leichter, als nur gelegentlich einmal zu verzichten; sowie es auch leichter ist, einer Begierde ganz zu entsagen, als in ihr Maß zu halten.“ Die Stelle steht im Kontext einer psychologischen Analyse religiöser Askese. Nietzsche argumentiert dort nicht normativ, sondern deskriptiv: Die totale Entscheidung entlastet, weil sie die Notwendigkeit permanenter Selbstverhandlung aufhebt. Was in der modernen Suchttherapie als Vorteil einer klaren Abstinenzentscheidung gegenüber dem Paradigma des kontrollierten Konsums beschrieben wird – die Reduktion kognitiver Last, die Vereindeutigung der Handlungssituation –, findet sich in dieser Passage als psychologische Beobachtung.
Der begriffliche Rahmen, in dem sich die Beobachtung verorten lässt, ist die Selbstbindung: die bewusste Einschränkung des eigenen zukünftigen Handlungsraums als rationale Strategie gegen antizipierte Willensschwäche. Die Entscheidung zur Abstinenz eliminiert die Entscheidungssituation selbst. Wer nicht mehr verhandelt, ob und wieviel konsumiert wird, entzieht dem Craving seinen operativen Rahmen. Nietzsche beschreibt diese Struktur, ohne den Begriff zu verwenden, mit einer Präzision, die systematische Implikationen hat.
Doch die Werkchronologie macht die Sache kompliziert. Derselbe Nietzsche, der in Menschliches, Allzumenschliches die Entsagung als die leichtere Lösung beschreibt, unterzieht in der Genealogie der Moral (EA 1887) das asketische Ideal einer Fundamentalkritik. Die Dritte Abhandlung – „Was bedeuten asketische Ideale?“ – analysiert die Askese nicht als rationale Strategie, sondern als Symptom. Das asketische Ideal, so Nietzsches These, ist nicht Ausdruck von Stärke, sondern eine spezifische Willensform, die sich gegen die Grundvoraussetzungen des Lebens selbst richtet. Der Schlusssatz der Abhandlung verdichtet den Gedanken: Der Mensch wolle lieber noch das Nichts wollen, als nicht zu wollen.
Die suchttherapeutische Relevanz dieser Spannung liegt nicht in der Frage, welcher Nietzsche recht hat – der mittlere oder der späte. Sie liegt in der Struktur des Widerspruchs selbst. Entsagung als psychologische Entlastung und Entsagung als lebensfeindlicher Wille bezeichnen nicht zwei verschiedene Phänomene, sondern zwei verschiedene Funktionen desselben Verhaltens. Der Klient, der eine klare Abstinenzentscheidung trifft und dadurch Handlungsfähigkeit gewinnt, vollzieht etwas anderes als der Klient, dessen gesamtes Selbstbild auf dem Verzicht ruht und der die Substanz nicht durch Lebensvollzüge, sondern durch die Abstinenz selbst ersetzt hat. Im ersten Fall dient die Entsagung dem Leben. Im zweiten Fall ist sie – in Nietzsches Terminologie – ein Wollen des Nichts: eine Form der Selbstorganisation, die den Stoff durch seine Abwesenheit zum Zentrum macht.
Die Unterscheidung lässt sich nicht am Verhalten festmachen. Beide Klienten trinken nicht. Sie lässt sich auch nicht an der Dauer der Abstinenz ablesen. Sie zeigt sich erst im relationalen Kontext: darin, ob der Verzicht Raum schafft für etwas anderes – für Quellen von Selbstwirksamkeit jenseits der Substanz – oder ob er den Raum besetzt, den er schaffen sollte.
Nietzsches Frühwerk eröffnet eine dritte Perspektive, die den Widerspruch nicht auflöst, aber rahmt. In der Geburt der Tragödie (EA 1872) entwickelt er die Dualität des Apollinischen und des Dionysischen als komplementäres Begriffspaar: Apollon steht für Form, Maß, Individuation; Dionysos für Rausch, Entgrenzung, Auflösung des principium individuationis. Die griechische Tragödie ist für Nietzsche der Ort, an dem beide Triebe in eine produktive Spannung treten. Wesentlich ist dabei, dass Nietzsche die unkontrollierte Herrschaft des Dionysischen ausdrücklich als barbarisch verwirft (KSA I, 33).
Das Frühwerk plädiert nicht für den Rausch. Es plädiert für eine kulturelle Form, die dem Rausch standhält, ohne ihn zu leugnen.
Für die Suchttherapie ließe sich diese Figur als Hinweis darauf lesen, dass die therapeutische Aufgabe weder in der Bekämpfung des Rauschhaften liegt noch in seiner Rehabilitation, sondern in der Frage, welche Formen der Selbstorganisation ein Leben nach der Substanz tragen können. Abstinenz wäre in diesem Rahmen das apollinische Moment – die notwendige Grenzziehung, ohne die keine Gestalt entsteht. Aber die Grenze allein ist noch keine Gestalt.
Eine Passage in Ecce Homo (verfasst 1888, EA 1908), im Kapitel „Warum ich so klug bin“, konkretisiert diese Überlegungen autobiographisch. Nietzsche notiert dort: „Alkoholika sind mir nachtheilig; ein Glas Wein oder Bier des Tags reicht vollkommen aus, mir aus dem Leben ein ›Jammerthal‹ zu machen, – in München leben meine Antipoden.“ Die Passage fällt durch ihre Beiläufigkeit auf. Kein Pathos des Verzichts, keine moralische Aufladung, keine Stilisierung zur Tugend. Nietzsche trinkt nicht, weil sein Körper Alkohol nicht verträgt – ein Faktum, das zur Kenntnis genommen wird, nicht mehr.
Diese Haltung – Abstinenz als Selbstkenntnis, nicht als asketisches Ideal – markiert möglicherweise den Punkt, an dem die werkimmanente Spannung sich auflösen lässt, ohne dass einer der Stränge aufgegeben werden muss. Die Entsagung aus Menschliches, Allzumenschliches bleibt psychologisch gültig: Ganz entsagen ist leichter als Maß halten. Die Kritik aus der Genealogie bleibt diagnostisch gültig: Entsagung, die zur Identität wird, richtet sich gegen das Leben. Was in Ecce Homo aufscheint, ist eine dritte Möglichkeit: ein Verzicht, der weder Strategie noch Symptom ist, sondern schlicht Sachverhalt.
Ob diese drei Figuren des Verzichts – die strategische, die symptomatische, die sachliche – sich systematisch aufeinander beziehen lassen oder ob sie lediglich drei Werkphasen spiegeln, die nicht aufeinander reduzierbar sind, bleibt offen. Was sich sagen lässt: Die suchttherapeutische Praxis operiert mit allen dreien, oft ohne sie zu unterscheiden. Eine begriffliche Klärung, die Nietzsches Differenzierungen aufnimmt, könnte präzisieren, was mit „Abstinenz“ jeweils gemeint ist – und ob der Verzicht Raum schafft, in dem Lebenssinn entstehen kann, oder den Raum besetzt, den er schaffen sollte.